Nordstadt-Gemeinde Wolfsburg

Gerechtigkeit

Nachgedacht

Ungerechtigkeit tut weh, sehr weh. Anders als die 3 anderen Kardinaltugenden Mut, Mäßigung und Klugheit ist die Gerechtigkeit nicht nur erwünscht, sondern unbedingt gefordert. Denn sie betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern die Beziehung der Menschen untereinander: unser Zusammenleben.
Schon die Propheten des Alten Testaments wussten: Wo Gerechtigkeit in einem Gemeinwesen systematisch und dauerhaft verletzt wird, gedeihen Unfrieden und Gewalt. Wo aber ein Gemeinwesen in seinen Grundfesten auf Gerechtigkeit gebaut ist, immer neu nach der Gerechtigkeit gesucht und für sie gestritten wird, da blüht dieses Gemeinwesen, Probleme können in Solidarität angegangen und Konflikte friedlich gelöst werden.

Die Gerechtigkeit ist deshalb die wichtigste und die beliebteste der 4 Kardinaltugenden. Häufig ist sie Thema der bildenden Kunst, auf Plätzen und Giebeln dargestellt mit ihren drei Attributen: Waage, Schwert und Augenbinde- und wägt ab. In der Antike galt die Gerechtigkeit als Tugend: als Ordnung schaffende Kraft bei Platon und bei Aristoteles als „vollkommene Tugend“, weil sie das, was sie ist, zugleich auch schafft, und im Gegenüber zum anderen Menschen zur Anwendung kommt. Aristoteles` Unterscheidung einer ausgleichenden Gerechtigkeit, die Gleichheit schafft, in dem sie allen das Gleiche gibt (z. B. gleichen Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Strafe für gleiches Vergehen) und einer austeilenden Gerechtigkeit, die proportional Gleiches zuteilt (z. B. niedriges Einkommen - niedrige Steuern, hohes Einkommen - hohe Steuern) ist bis heute nicht überholt.

Wann aber und wo ist welche dieser Gerechtigkeiten angemessen? Im Alten Testament hat die Gerechtigkeit Gottes Vorrang: Jeder Mensch hat eine in Gottes Ebenbildlichkeit begründete Würde, hat aber zugleich auch die Gemeinschaft des Volkes Israel im Blick. Weil Gerechtigkeit nicht ohne Freiheit verwirklicht werden kann, hat Gott sein Volk aus der Unterdrückung befreit und mit ihm eine Art Vertrag geschlossen: Die 10 Gebote fassen ein An-Gebot an den Menschen zusammen: sich an der von Gott gestifteten Gerechtigkeit zu freuen, sie anzuerkennen und ihr zu vertrauen. Das biblische Verständnis von Gerechtigkeit ist geprägt von der Sorge um die Schwachen: Ihnen muss besondere Aufmerksamkeit zukommen. In dieser Tradition lebte auch Jesus. Er predigte Vergebung, damit „Ungerechte“ zurück in die Gemeinschaft und zu gerechtem Leben finden. Für ihn war gerecht, wer den vielfältigen Ansprüchen, die eine Beziehung stellt, gerecht wird. Ich lerne: Eine Gerechtigkeitsformel, die zu meinen vielfältigen Lebenssituationen passt, gibt es nicht. Stattdessen habe ich mich auf eine „experimentierende“ Suche nach Gerechtigkeit zu begeben und stets neu Entscheidungen zu finden. Ohne Güte und Großzügigkeit geht das wohl nicht, damit wir gemeinsam eine Zukunft haben, wie das Gedicht von Rose Ausländer ausdrückt:

Noch bist du da
Wirf deine Angst in die Luft
Bald ist deine Zeit um bald wächst der Himmel
unter dem Gras fallen deine Träume ins Nirgends
Noch duftet die Nelke singt die Drossel
noch darfst du lieben Worte verschenken
noch bist du da Sei was du bist Gib was du hast

Eine sonnige Zeit und ein wenig Muße, einer liebevollen Gerechtigkeit in Ihrem Leben nachzugehen
wünscht Ihnen Pastorin Uta Heine

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit wird häufig mit gleich verbunden: Alle erhalten das Gleiche. Alle erhalten die gleiche Förderung. Alle erhalten die gleiche Aufmerksamkeit. Ist Gerechtigkeit nicht vielmehr eine höchst individuelle Angelegenheit? Das mag auf den ersten Blick ein Widerspruch sein. Aber fordert Gerechtigkeit nicht „jedem gerecht zu werden“ ein und damit die persönlichen Interessen, Neigungen und Fähigkeiten zu berücksichtigen?
Unterschiedliche Schulsysteme werden mitunter als ungerecht und diskriminierend empfunden. Aber sind nicht gerade die verschiedenen Schulsysteme darauf ausgelegt, unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten zu fördern? Natürlich darf das nicht etwa durch soziale Bewertungen zu einer Ausgrenzung führen. Führen nicht unterschiedliche Neigungen auch dazu, dass ein jeder sich für einen anderen Beruf interessiert? Ich selbst könnte mir nicht jeden Beruf für mich vorstellen. Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung davon, wie sein Leben  auszusehen hat.
Gerechtigkeit ist also, wenn jeder die Möglichkeit, sich nach seinen Vorstellungen zu entwickeln und zu leben, hat - bei der geringstmöglichen Behinderung von anderen.Welche Vorstellung man von Gerechtigkeit auch haben mag: Gier und Maßlosigkeit sind in jedem Falle der Feind von Gerechtigkeit.
Thomas Schmidt (Redaktionsmitglied)

Im Gespräch mit Hans Rühl

einem Wolfsburger unserer Nordstadt im Un-Ruhestand, der für den Verein Wolfsburger Tafel e.V. als Vorstandsmitglied ehrenamtlich tätig ist.

Herr Rühl, was ist die Wolfsburger Tafel?

Die Tafel sammelt Lebensmittel, die überzählig, überproduziert, aber noch verwertbar sind und gibt diese für einen symbolischen Betrag an bedürftige Personen und Familien weiter, bei denen das Einkommen nachweislich (Benutzerausweis) sehr knapp ist. Damit sorgen wir dafür, dass die Kunden unseres „etwas anderen Ladens“ etwas Gesundes auf den Tisch bekommen und sich Zuhause selbst ein Mittagessen zubereiten können.

Wie viele Menschen nehmen Ihr Angebot in Anspruch?

Über die Benutzerausweise wissen wir, dass bis zu 2800 Personen in Wolfsburg, davon ca. 1000 Kinder im Kontakt mit dem Angebot unserer Tafel sind. Täglich kommen von Mo.-Fr. ca. 100 Personen oder Familien, um sich Lebensmittel abzuholen.

Wie finanzieren und organisieren Sie die Arbeit?

Unter dem Motto „Jeder gibt, was er kann“ spenden Menschen ihre Freizeit als ehrenamtliche Helfer, unterstützen uns mit Lebensmitteln, Geld und Sachspenden. Es gibt keine besonderen öffentlichen Fördermittel. Das Geld wird u.a. benötigt für die Anmietung der Laden-Räume und für den Einsatz der Fahrzeuge, mit denen Lebensmittel von zahlreichen Discountern, Lebensmittelgeschäften und Bäckereien eingesammelt werden.

Haben Sie genug Unterstützung?

Wir sind immer auf der Suche nach Menschen, die Zeit und Lust haben, uns ehrenamtlich und finanziell zu unterstützen. Zurzeit sind bei der Tafel etwa 45 Helfer im Einsatz. Auch viele unserer Kunden sind gleichzeitig als Helfer aktiv - aus Dank, aus Empathie, weil sie helfen wollen und können und darauf stolz sind.

Das Thema des aktuellen Gemeindebriefes ist die Tugend der Gerechtigkeit. – Welchen Bezug sehen Sie zur Arbeit der Wolfsburger Tafel?

Alle, die zu uns kommen werden gleich behandelt. Besonders begehrte Sachen werden auch besonders gerecht verteilt. Aber, und das ist mir sehr wichtig: Wir sind kein Reparaturbetrieb des Sozialstaates und der negativen Auswirkungen des Kapitalismus. Wir sind ein demokratischer und sozialer Staat. Der hat dafür zu sorgen, dass die Menschen würdig leben können. Diesen Mangel möchten wir mit unserer Arbeit nicht verschleiern. Die Existenz von über 1000 Tafeln in Deutschland ist auch ein Zeichen für Ungerechtigkeit und Schieflage in unserem Sozialsystem. Damit ist und bleibt die Frage der Gerechtigkeit in unserer Stadt, in unserem Land und in unserer Kirche eine sehr konkrete Herausforderung.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch und die daraus gewonnenen Einsichten und für Ihr Engagement.
Das Interview führte Ulrich Probst

Kontakt:
Wolfsburger Tafel e.V.
Kleiststr. 35,
38440 Wolfsburg

Gerechtigkeit in der Familie

Ein Gespräch zweier Mütter: U. (5 Kinder) und F. (4 Kinder)

F. : Um einen Artikel in unserem Gemeindebrief zu schreiben, möchte ich mich gern mit Dir über „Gerechtigkeit in der Familie“ unterhalten.

U. : Nur zu, aber Du weißt ja selbst, welches sperrige Ding das ist. Jedes Kind ist verschieden veranlagt.

F.: Aber jedes Kind muss doch merken, dass es die gleiche Liebe, die gleiche Zuneigung erhält.

U.: Erinnerst Du Dich an Andy, den wir für behindert gehalten haben? Er war es aber nicht. – Sein Bruder war schwer behindert, und die Mutter kümmerte sich stark um ihn. Andy benahm sich wohl so, um mehr Zuwendung zu bekommen. Aber Gott sei Dank ging es ja gut aus – die Mutter merkte es von allein.

F.: Wenn unter den Kindern eines große Schwierigkeiten in der Schule hat und die Jüngste sich als Überflieger herausstellt, ist es oft für Eltern schwer, für ein Kind einen Handwerksberuf ins Auge zu fassen und das andere fürs Hochschulstudium vorzubereiten. Weil Eltern es nicht für gerecht halten, obwohl es vernünftig ist.

U.: Nun gibt es ja auch Spätzünder, und man muss dann schon abwägen, ob nicht doch eine intensive Förderung diesem Kind Möglichkeiten schafft.

F.: Spielt nicht auch die Geschwisterfolge eine Rolle?

U.: Sicher, aber eher sehe ich den Unterschied in den verschiedenen Charakteren. Während ein Kind genussvoll ein Blatt des Bilderbuches umdreht, geht es dem anderen viel zu langsam. In Großfamilien geht es leichter, weil Großeltern (oder Wahlgroßeltern) einen gewissen Ausgleich
schaffen können.

F.: Wenn jedes Kind als Erwachsener meint, dass seine Eltern ihm nach Möglichkeit „gerecht“ gewesen sind, können wir doch froh sein.

Das Interview führte Felicitas Zaddach.

Kinderaussagen zum Thema Gerechtigkeit

Gabi sagte: „Ich hatte ganz dolle Streit mit meiner Schwester. Aber so richtig dolle. Mama und Papa haben ferngesehen und nix dazu gesagt. Das fand ich doof, weil ich Hilfe brauchte!“

Max wollte gerne ins Kino gehen, aber Mama sagte: „Nein, wir gehen heute nicht ins Kino!“ Da war ich traurig und fand das ungerecht. Aber an einem anderen Tag sind  wir dann doch gegangen, und Mama hatte mir ja auch erklärt, warum wir an meinem Wunschtag nicht ins Kino gehen konnten.Das fand ich dann wieder o.k. und gerecht!

Immer, wenn ich noch spielen will ruft einer: “Hallo Jule, aufräumen, es gibt Abendessen“, oder sonst irgendwas! Das ist so ungerecht!

Justus wollte so gerne mit Papa schwimmen gehen! Aber Mama hat gesagt:“ Och nö, wollen wir nicht lieber zu Hause was spielen?“ Dann sind wir zu Hause geblieben und haben gespielt. Aber ich wollte doch lieber schwimmen gehen.

„Dass immer nur die Erwachsenen sagen, was gemacht wird! Das ist echt blöd!“
Diese Aussagen der Kinder spiegeln ihre Wünsche wider, und sie empfinden es oft als ungerecht, wenn etwas, was sie wollen, nicht sofort klappt oder gemacht wird! Für Kinder ist es wichtig zu verstehen: WARUM NICHT? Dann sehen sie – wie dieses Beispiel zeigt – den Grund, warum etwas heute jetzt und gleich und manchmal auch einfach gar nicht geht:
Mama hatte versprochen, heute mit meinem kleinen Bruder und mir auf den Spielplatz zu gehen, und dann wollten wir noch ein Eis essen. Aber als ich aus der Schule kam, hat sie dann gesagt, dass es doch nicht geht, weil mein Bruder krank geworden ist. Da war ich erst sauer und dann traurig. Aber dann hab ich gedacht: Wenn man krank ist, ist ja allesnicht so schön. Das würde dann keinen Spaß machen! Eis haben wir trotzdem gegessen, weil man das ja auch zu Hause machen kann und die Mama hatte welches im Kühlschrank. Ein Glück!

Birgit Hoss, Erzieherin in der St. Thomas-Kita

Neulich im Kindergarten oder Das Leben ist hart

Ein kleiner Junge hatte beim Stiefelanziehen Probleme und so kniete seine Erzieherin sich nieder, um ihm dabei zu helfen. Mit gemeinsamem Stoßen, Ziehen und Zerren gelang es, zuerst den einen und schließlich auch noch den zweiten Stiefel anzuziehen. Als der Kleine sagte: „Die Stiefel sind ja am falschen Fuß!“ schluckte die Erzieherin ihren Anflug von Ärger runter und schaute ungläubig auf die Füße des Kleinen. Aber es war so, links und rechts waren tatsächlich vertauscht.
Nun war es für die Erzieherin ebenso mühsam wie beim ersten Mal, die Stiefel wieder abzustreifen. Es gelang ihr aber, ihre Fassung zu bewahren, während sie die Stiefel tauschten und dann gemeinsam wieder anzogen, ebenfalls wieder unter heftigem Zerren und Ziehen. Als das Werk vollbracht war, sagte der Kleine: „Das sind nicht meine Stiefel!“ Dies verursachte in ihrem Inneren eine neuerliche, nun bereits deutlichere Welle von Ärger und sie biss sich heftig auf die Zunge, damit das hässliche Wort, das darauf gelegen hatte, nicht ihrem Mund entschlüpfte.
So sagte sie lediglich: „Warum sagst du das erst jetzt?“
Ihrem Schicksal ergeben kniete sie sich nieder und zerrte abermals an den widerspenstigen Stiefeln, bis sie wieder ausgezogen waren. Da erklärte der Kleine deutlicher: „Das sind nicht meine Stiefel, denn sie gehören meinem Bruder. Aber meine Mama hat gesagt, ich muss sie heute anziehen, weil es so kalt ist.“
In diesem Moment wusste sie nicht mehr, ob sie laut schreien oder still weinen sollte. Sie nahm nochmals ihre ganze Selbstbeherrschung
zusammen und stieß, schob und zerrte die blöden Stiefel wieder an die kleinen Füße. Fertig.
Dann fragte sie den Jungen erleichtert: „Okay, und wo sind deine Handschuhe?“
Worauf er antwortete: „Die hab ich vorn in die Stiefel gesteckt.“

Und nochmal zur Gerechtigkeit: Brot für die Welt. Die 57. Aktion

Wir danken herzlich allen Spenderinnen und Spendern, die sich für die Unterstützung von „Diakonie Katastrophenhilfe“ und „Brot für die Welt“ eingebracht haben. Allein für „Brot für die Welt“ wurden im vergangenen Jahr kirchenkreisweit 88.676,00 € gespendet. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein erheblicher und erfreulicher Zuwachs. Herzlichen Dank!

Auch in diesem Jahr ist Hilfe für „Brot für die Welt“ angesagt. So wie in Peru im Departement Huanuco, einer einsamen Gegend auf 3.300 Metern Höhe, wo Menschen sich der Herausforderung stellen, von dem zu leben, was die steinige Erde hergibt. Die Inkas wussten darauf eine Antwort, denn die außergewöhnliche Geografie Perus zwang sie dazu: Sie bauten auf den steilen Abhängen Terrassen und Bewässerungskanäle, züchteten Lamas und Meerschweinchen und verfeinerten durch gezielte Auswahl des Saatguts das Andengras zu Quinoa.
Die spanische Eroberung war ein traumatischer Einschnitt. Die Eroberer bereicherten sich an den Schätzen der Inkas, verboten den Anbau einheimischer Pflanzen und zwangen die unterworfenen Bauernfamilien dazu, Kühe zu halten und Weizen anzubauen. Das empfindliche Ökosystem der Anden hielt dem nicht stand, die Böden erodierten und die Andenbauern versanken in Armut.

Als die Mitarbeitenden der Organisation Diaconia in der Region die ersten Landwirtschaftskurse anboten, war dies für viele Kleinbauernfamilien die letzte Hoffnung, um der Armut zu entkommen. Sie lernten, wie man Quinoa anbaut. Heute sind die Andenbauern davon überzeugt: Die Quinoa ist das wertvollste Lebensmittel der Region.

Projektträger ist Diaconia, das Sozialwerk der Ev.-luth. Kirche in Peru. Die Organisation trägt zur Bekämpfung von Armut und zu einer nachhaltigen Entwicklung bei, insbesondere in ländlichen Regionen.
„Brot für die Welt“ hilft – effektiv und nachhaltig.
Wir freuen uns über Ihre Spende auf das
Konto des Kirchenamtes in Gifhorn
Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg
BIC: NOLADE21GFW;
IBAN: DE88 2695 1311 0011 0000 49
Stichwort: Brot für die Welt.